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Der erste Schritt - Erfahrungsbericht (Dinah, 29 Jahre)

Wer könnte mir besser helfen, als ich selbst. Nur ich weiß, was in mir vorgeht. Nur ich weiß, wie groß dieser unsägliche Schmerz ist, der seit über zwei Jahren Besitz von mir ergreift. Alle sagen “ich kann verstehen, wie Du Dich fühlst – es muß schrecklich sein, keine eigenen Kinder zu bekommen“. Diese Menschen wissen nur, wie toll es ist, Kinder zu bekommen. Sie haben keine Ahnung, wie es sich anfühlt, kein neues Leben in die Welt setzen zu können. Nicht die zarte Kinderhaut berühren, nicht im Gesicht des kleinen Menschenkindes nach Ähnlichkeiten mit mir und meinem Mann suchen und auch welche entdecken zu können.  Mir ist völlig klar, dass diese Leute ihr eigenes Päckchen zu tragen haben – aber das alles wissen sie nicht. Dieses Gefühl gehört nur mir allein.

 

Mit dieser Erkenntnis fing ich an, mich nach einer Selbsthilfegruppe umzusehen, denn mir wurde klar: Ich bin NICHT allein auf dieser Welt. Allein mein Mann ist ein Mensch, der eben dieses fühlt. Nachdem ich den Blick wieder für einige Momente von mir selbst auf den Rest der Welt wenden konnte, merkte ich, dass ich wohl doch nicht ohne Hilfe dastehe mit diesem Schmerz.

 

Ich war sehr überrascht, dass mein Mann, nachdem ich nach unzähligen Telefonaten endlich eine Selbsthilfegruppe zu dem Thema „Ungewollte Kinderlosigkeit“ gefunden hatte, sich tatsächlich in der Lage sah, mich dorthin zu begleiten. Ich war erfreut, verdutzt und gespannt. Mein Mann ist kein Mensch der großen Worte. Kommunikation war in unserer Beziehung schon immer ein Problem. Und nun sollten wir beide zusammen in eine Selbsthilfegruppe gehen?

 

Das Gefühl war mulmig, als wir die Räume der SHG betraten. Was würde uns erwarten? Vielleicht sitzt dort ein Kollege oder sonst jemand, den wir kennen? Die Welt ist bekanntlich klein. Wird mein Mann etwas erzählen, sich öffnen? Werde ich selbst dazu in der Lage sein? Was für Leute sind da? Lauter esoterisch angehauchte, die Yogi-Tee trinken und während einer Unterhaltung mit Stricknadeln klappern?

 

Alle Angst, alle Zweifel fielen von mir ab, als ich die ersten SHGler zu Gesicht bekam. Alles normale Leute – wie ich. Da könnte man einwerfen: Bin ich/sind wir normal? Was ist normal? Aber zurück zu der SHG… Wir saßen in einer netten Runde beisammen und jeder stellte sich vor und erzählte, wonach ihm war. Der eine mehr der andere weniger. Oder auch nichts. Man muß ja nicht reden, wenn man nicht will. Aber man wird automatisch von der Gruppe mitgerissen und kann die Gefühle und Emotionen der anderen so gut nachvollziehen, dass man einfach etwas dazu beitragen möchte. Selbst mein sonst eher sprachloser Mann öffnete plötzlich sein Herz und verkündete in der Gruppe, und somit auch mir, große Gefühle. Das war und ist wirklich sehr hilfreich.

 

Es gibt doch Leute, die einen verstehen – man ist doch nicht allein. Alles wird gut und wenn nicht, ist da ein Netz, das einen auffängt. Auch wenn man wieder mal von ganz oben fällt. Dabei ist man selbst Teil dieses Netzes und kann, wenn man gerade stark ist, andere im Fall begleiten oder vielleicht sogar auffangen.

 

Nach nunmehr einem Jahr haben sich ganz besondere Freundschaften aus der Gruppe entwickelt. Ein absoluter Glücksfall, wenn man bedenkt, dass alte Freundschaften seit der „Diagnose Kinderlosigkeit“ in die Brüche gingen oder sich zumindest verändert haben.

 

Mittlerweile ist ein Art Adoptions-Interessierten-Gruppe aus der eigentlichen SHG entstanden. Ich merke, die Erde dreht sich weiter. Nach Regen folgt Sonne. Der Mensch braucht neue Herausforderungen – neue Aufgaben. Es gibt neben Schwarz auch Weiß. Das Leben stellt uns vor Aufgaben. Aufgaben sind dazu da, um sie zu lösen oder es zumindest zu versuchen.