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Kinderwunsch (Marie, 41 Jahre)

Ich bin 41 und habe fünf Jahre Reproduktionsmedizin hinter mir. Immer, wenn ich zum Arzt ging, zur Insemination, zur Untersuchung, zur Ausschabung fehlgeschlagener Schwangerschaften, dachte ich, es sei mein Kinderwunsch, der mich dorthin brachte. Mein eigener, ureigenster, persönlicher, von mir tief, rein, ehrlich und klar empfundener Wunsch. Ausdruck der Sehnsucht, mit einem Kind leben zu wollen, Familie zu haben. Ich dachte, Wunsch, Hoffnung, Sehnsucht - es seien positive Gefühle, die mich in diese Praxen und Kliniken brachten und mir halfen, die Behandlungen durchzustehen.

 

Heute vermute ich, es war mehr ein Kinderwollen als ein Kind wünschen. Wünschen bezieht die Möglichkeit der Nichterfüllung mit ein. Wollen ist unbedingt. Bedingungslos. Unabdingbar. Mit allen Mitteln. Zur Not unter Zwang. Mit vorgehaltener Waffe oder Hormonspritzennadel. Ich wollte ein Kind und dachte, ich wünsche es mir.

 

Meinen Kinderwunsch zu ergründen war mir unmöglich, so lange ich in Behandlung war. Der gelebte Kinderwunsch sah so aus: Blutung, Anruf in der Praxis des Reproduktionsmediziners, die nächste Behandlung vereinbaren, den neuen Versuch im nächsten Zyklus. Nach dem nächsten Fehlschlag ging dann alles von vorn los: Blutung, Anruf in der Praxis.... Babymacher sind für Leute da, die Kinder wollen. 

 

Wenn man mitten in diesem Prozess steckt, schaut man nicht nach links oder rechts. Schon gar nicht nach innen. Und warum sollten wir ungewollt Kinderlose auch unseren Kinderwunsch stärker, detaillierter, ehrlicher hinterfragen als die Frauen, die einfach schwanger werden? Fragen sie sich nach Ihren Beweggründen, gehen sie mit sich ins Gericht, gehen ihre Motive tiefer, sind sie ehrbarer als eine diffuse "Lust auf Kind"?  

 

Aber natürlich wächst ein Wunsch, wenn er nicht erfüllt wird. Und so wird aus dem Wünschen das Wollen. Und das Wollen hält einen gefangen, setzt die Gefühle fest, lässt nicht zu, dass Schmerz kommt, aber auch keinen Platz für ehrliches, tiefes Sehnen. Denn da, wo wir das Sehnen merken, ist der Schmerz nicht weit.

 

Mir hat ein Satz geholfen, den Maybritt Illner mal gesagt hat. Es ging um ihren Kinderwunsch. Als prominente Frau um die 40 wird sie dauernd danach gefragt. Sie sagte: "Man muss aufpassen, dass es der eigene Wunsch bleibt."  Der eigene Wunsch. Nicht gesteuert durch andere. Nicht nahegebracht durch Gesellschaft, Biologie. Sie meinte: "Man muss aufpassen, dass man sich Kinder wirklich selbst wünscht, innig und ehrlich, und der Kinderwunsch nicht nur ein Reflex ist auf das, was die anderen tun, oder was man von uns als Frau erwartet". Tradierte Rolle, sozialer Status, Biologie. Es ist unglaublich kompliziert, das auseinander zu dividieren. Und ich habe mich auch gefragt, warum ausgerechnet ich, die ungewollt Kinderlose, das analysieren sollte. Muss ich etwa auch noch, wenn ich schon aus biologischen Gründen nicht Mutter werde, meinen Kinderwunsch psychologisch hinterfragen?  Darf ich nicht mal harmlos wünschen, wie alle, nur, weil daraus ein Wollen geworden ist?

 

Ich habe trotzdem einmal versucht, meinen Kinderwunsch loszulösen - von den Erwartungen meiner Eltern, der Familie. Abzutrennen von dem emotionalen Effekt, den es auf mich hat, wenn ich sehe, wie andere einfach schwanger werden. Kolleginnen, Freundinnen, Cousinen, Bekannte. Loszulösen von dem Neid, dem Gefühl, benachteiligt zu sein. Von dem Gedanken: "Das will ich auch, ich will auch dieses Glück. Das Leben ist unfair! Ich will teilhaben an dieser Eltern-Welt". Von dem Druck der biologischen Uhr. Den langen, wachen Stunden in der Nacht, in denen ich reine Panik schob: dass ich 36 wäre, 38, bald 40, dass ich zu alt wäre, jeder Eisprung immer minderwertigere  Eier transportiert.

 

Was ich zu fassen bekam, waren in erster Linie negative Gefühle. Anpassung, Erfüllung von Erwartungen. Neid. Panik.

 

Fühlt sich Kinderwunsch so an?

 

Heute weiß ich, dass mein Kinderwunsch in der Zeit, als ich ihn unbedingt erfüllen wollte, kein positives Gefühl war. Es war nicht warm oder freudig. Er war Druck. Von außen. Es war anders als das Gefühl, dass ich mit Anfang 20 hatte, als ich zum ersten Mal wusste, ich möchte Kinder: Ich sah eine junge Mutter, die ihr Baby hielt, liebevoll, warm, verliebt in den Moment, das haben zu dürfen, so nah mit einem anderen Menshcn sein zu können.

 

Ich bin ungewollt ohne Kinder. Ich weiß, was wollen ist. Aber den Kinderwunsch habe ich  erst wiedergefunden, als ich wusste, ich würde ohne bleiben.