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Kreuzchen und Pünktchen (Dinah, 29 Jahre)

Es begann alles mit Kreuzchen und Pünktchen im Kalender. Es war der erste Monat im Jahr 2004. Kreuze bedeuteten Sex, Punkte bedeuteten Blut. Es wurde ein buntes Jahr. Die Punkte wurden in unregelmäßigen Abständen gesetzt und die Kreuzchen wurden immer häufiger – eigentlich ja eine schöne Sache. In diesem Fall aber eine sich immer weiter zuziehende Schlinge. Nach fast einem Jahr Liebe in Begleitung von Pünktchen und Kreuzchen und einer romantischen Hochzeit im Spätherbst folgte dann der Weg zur Gynäkologin. Einfach mal untersuchen lassen, ob denn soweit alles in Ordnung sei. Es sollte nicht sein. Die Hormone spielten verrückt. Mit verrückten Hormonen wollte meine Gynäkologin nichts zu tun haben. Sie schob mich ab an einen Spezialisten. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, über welch eine gähnend lange Zeit mir allein der Gedanke an den Spezialisten Durchfall und Magenschmerzen bereiten würde.

 

Mein Mann gab sein Sperma, nicht freiwillig, beim Urologen ab. Als die Ergebnisse vorlagen, begrüßte der Spezialist meinen Mann und mich freundlich und sehr sachlich. Nach weniger als 10 Minuten waren wir darüber aufgeklärt, dass wir ohne künstliche Befruchtung keine Kinder bekommen würden. Ich tat so, als verstünde ich, was das bedeutet. Mit dem sachlichen Gott in Weiß wollte ich mithalten – ohne Umwege. Alles verstehen, alles verinnerlichen. Er malte Eier und Spermien, Zeitfenster, Kreuzchen, Pünktchen. Da waren sie wieder – die Kreuzchen und Pünktchen. Es schien alles so einfach, alles so klar. Sobald wir aber die Praxis verließen, übermannte mich das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Überrollt. Überfahren. Übergangen. Überrascht. Alles drehte sich und ich war nahe einem Tränenausbruch. Ha – heute lache ich darüber. Nach hunderten von Tränenausbrüchen lacht man über den bloßen Gedanken an einen Tränenausbruch.

 

 

Ob wir den Weg der künstlichen Befruchtung gehen wollten, danach frage keiner. Das war selbstverständlich. Wir konnten doch froh sein, dass es wenigstens diese Möglichten gab. Bei einem Spermiogramm, das laut Urologen schlecht und laut Spezialisten sehr schlecht war. Also – warum fragen? Handeln!

 

 

Gesagt getan. Ich ging zusammen mit meinem unermüdlichen tröstenden und stärkenden Mann meinen zum heulen und schreien harten Weg und ließ innerhalb eines halben Jahres folgende Behandlungen über meine geschundene Seele ergehen:

 

  • April 2005 erste ICSI. Zwei Eizellen. Eine befruchtet. Nicht eingenistet. Enttäuscht
  • Mai 2005 Bauchspiegelung
  • Juli 2005 zweite ICSI. Zwei Eizellen. Eine befruchtet. Nicht eingenistet. Verzweifelt
  • September 2005 dritte ICZI. Eine Eizelle. Keine Befruchtung. Zusammenbruch.
  • Oktober 2006 Darmspiegelung wegen anhaltender Durchfälle

 

Noch ein kurzes Telefonat mit dem Spezialisten und das war es. Allein gelassen. Austherapiert. Ausgemustert. Abgeheftet. Aufgegeben. Abgehakt.

 

 

Wir fanden keinen Trost. Waren untröstlich. Ich versuchte, auf meine Art Klarheit zu bekommen, er auf seine. Es funktionierte nichts mehr. Das einzige, was immer noch in guter alter Manier lief, waren die Kreuzchen und Pünktchen in meinem Kalender. Sie waren sinnlos und kamen voller Hohn aus meinem Füller geflossen. Aber ich konnte, wollte nicht aufhören. Jeden Monat neue Hoffnung trotz eines hoffnungslosen Spezialisten. Hoffnung. Trauer. Hoffnung. Trauer. Hoffnung. Trauer. Nicht zum Aushalten.

 

 

Wir suchten eine Psychologin auf, für die ungewollte Kinderlosigkeit ein Buch mit sieben Siegeln zu sein schien und entließen uns nach zwei gemeinsamen Sitzungen aus ihren merkwürdigen Fragen. Aber allein ging es nicht. Wir kamen nicht vor. Nicht vor und nicht zurück. Es war eine Sackgasse. Hier war das Leben zu Ende. Alles Geträumte, alles Geplante, alles Erhoffte, alles Normale – vorbei. Zu Ende. Schluss. Aus.

 

 

Was soll das alles noch? Die bedrohliche Frage nach dem Sinn des Lebens. Ich musste etwas unternehmen. So fand ich nach zähem Suchen eine Selbsthilfegruppe nahe unseres Wohnortes. Mein Mann kam mit. Ich war ganz stolz auf ihn. Ich erhoffte mir viel und diese Hoffnungen wurden erfüllt. Endlich – mal wieder eine erfüllte Hoffnung. Wir trafen tolle Frauen und Männer und redeten und redeten und redeten. Wir reden auch jetzt noch in dieser Gruppe. Es sind mittlerweile Freundschaften entstanden. Freundschaften, die vielleicht irgendwann unsere durch die ungewollte Kinderlosigkeit zerbrochenen alten und langjährigen Freundschaften ersetzen können.

 

Jetzt ist seit unserer letzten ICSI ein hartes und verzweifeltes Jahr vergangen und ich versuche immer noch, so ausdauernd, wie irgend möglich, meine Seele zu massieren. Es gibt Tage, an denen kann ich mich gut durch den Tag bringen. An anderen Tagen kann ich kaum aufstehen. Mancher Tag ist Schwarz, mancher Weiß. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es nicht viel. Ich wünsche mir, dass bald wieder alle Regenbogenfarben mit all ihrer Magie und Kraft in meiner Seele leuchten werden und sich mir ein neuer Weg eröffnet.