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Über den Umgang mit Anderen

Es ist so, als ob sich alle meine Freunde verabredet hätten, ausgerechnet in diesen, für uns schweren letzten zwei Jahren, Kinder in die Welt zu setzen. Es ist zum Verrücktwerden! Von wegen Deutschland stirbt aus. Akademiker-Frauen würden sich lieber im Job verwirklichen, anstatt Kinder zu bekommen. Spätestens jetzt mit Mitte/ Ende dreißig sind alle soweit, dass sie es mit dem Abenteuer Familie aufnehmen wollen.

Immer, wenn mir wieder eine meiner Freundinnen oder ein Freund freudestrahlend eröffnete, dass sie/er Mutter/Vater wird, krampfte sich etwas in mir zusammen. Ich wusste, jetzt kommt wieder der Satz: „Und Ihr? Wollt Ihr keine Kinder?" Es war furchtbar. Wir waren seit über einem Jahr in reproduktionsmedizinischer Behandlung und ich schämte mich fast ein wenig dafür. Das, was bei allen das Normalste von der Welt war, dafür brauchten wir Hilfe! Wir wollten auf keinen Fall, dass unsere Freunde und Familien wussten, dass unsere Sexualität quasi ausgelagert wurde. Dass unser Kind evtl. in der Petrischale gezeugt worden wäre. Mir war das alles irgendwie zu intim.


Auch die Reaktionen, der Freundinnen, denen ich mich anvertraut hatte, waren verhalten. Dummerweise waren auch sie alle gerade selbst schwanger oder gerade junge Mütter geworden. Das hat unseren Umgang miteinander extrem belastet. Es ja auch einfach verdammt schwer, selbst im Mutterglück zu schwelgen und sich gleichzeitig vorstellen zu können, in welches Loch wir gerade fallen. Nach und nach hat sich unser gesamter Freundeskreis von uns distanziert. Oder vielmehr - uns in Ruhe gelassen, weil sie auch nicht wussten, wie sie mit uns umgehen sollten.



Am Anfang war ich sehr traurig. Ich habe gedacht, meine schwangeren Freundinnen müssten mich trösten. Schließlich waren sie ja in der „privilegierten" Situation, genau das haben zu können, was ich mir so sehr wünschte. Ich war enttäuscht. Die gängige Reaktion war: "Das tut mir alles ganz schrecklich leid für euch, sag Bescheid, wenn ich etwas für Dich tun kann". Ich fühlte mich in einer Zwickmühle. Einerseits konnte ich die ganzen dicken Bäuche und niedlichen Babys um mich herum nicht ertragen, andererseits wollte ich, dass sich genau diese Freundinnen um mich kümmerten. Ich weiß nicht, wie es umgekehrt gewesen wäre. Ich hätte mich wahrscheinlich auch zurückgezogen. Aber ich empfand dieses „Sich-Zurückziehen" und es meinem Verantwortungsbereich zu überlassen, wie ich möchte, dass mit mir umgegangen wird, als Kapitulation an unsere Freundschaft. Ich wusste ja selbst gar nicht, was ich wollte, wie man mit mir umgehen soll, was mir gut tut. Ich war verzweifelt, am Boden zerstört, hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll und hatte gar keine Kraft, die Spielregeln unserer Freundschaft neu zu definieren.



Auf einmal war ich allein. Ich fühlte mich einsam und im Stich gelassen. Ich haderte mit meinem Schicksal. Ein Gefühl, was ich bisher nicht so kannte, nahm Besitz von mir: NEID. Ich war neidisch auf all meine Freundinnen, die so einfach ein Baby nach dem anderen gebären konnten. Empfand es als ungerecht, dass ich mir so viele Gedanken über mein Leben machen musste und sie nicht. Ich war völlig blind. Ihre Probleme (wie z.B. Schlafmangel wegen Kindergeschrei, finanzielle Sorgen...) empfand ich als völlig banal im Gegensatz zu meinen. Das ist natürlich gemein, in Freundschaften die Sorgen und Nöte des anderen gegeneinander aufzurechnen. Aber ich empfand es damals so.


Erst mit einem gewissen Abstand stelle ich fest, dass mir diese Freundinnen wohl gar nicht helfen konnten. Wie soll man schon mit jemanden umgehen, der offen gesteht, ich bin neidisch auf Dich? Es hat lange gedauert (und dauert noch immer), bis ich mir eingestanden habe, helfen kann ich mir eigentlich nur selbst. Das ist mein Leben. Ich muss akzeptieren, dass ich keine Kinder bekommen kann. Andere Menschen werden mit viel härten Schicksalen konfrontiert. Ich stelle nur fest, dass ich keinerlei Handwerkszeug besaß, um mit dieser Krise umzugehen.



Erste Hilfe fand ich damals in unserer Selbsthilfegruppe in Hamburg. Hier traf ich Menschen, die genau das gleiche Schicksal wie ich teilten. Es tat gut, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Aber das ist sicherlich erst der Anfang eines langen Weges, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Zu erwarten, dass alles glatt läuft ist wohl tatsächlich naiv. Aber es ist wohl eine lebenslange Aufgabe, sein eigenes Leben so zu gestalten, dass man sich wohl darin fühlt. Sich nicht dauernd zu vergleichen mit anderen.

Es fällt mir immer noch schwer, mich über das Glück der anderen zu freuen. Aber mittlerweile schaffe ich es, meine Kinderlosigkeit nicht mehr zu tabuisieren. Ich kann offen darüber reden. Seitdem wir die Behandlungen erfolglos einstellen mussten, hat sich das etwas verändert. Manchmal bin ich fast froh, den anderen endlich mitteilen zu können, was mich die letzten Jahre so sehr belastet hat. Es kommt mir vor wie so eine Art Outing, aber das macht nichts - es hat etwas Befreiendes.