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Ungewollt enkellos (Christel, 59 Jahre)

Ich erinnere mich genau: es war ein schöner Sommertag an dem Ihr beiden zu uns kamt und uns Euren Kummer erzähltet. T. hatte deprimierende Untersuchungen über sich ergehen lassen und von den Ärzten wurden fast alle Hoffnungen zunichte gemacht: Ihr könnt kein gemeinsames Kind haben. Ich habe es zuerst nicht ganz wahrhaben wollen. Die ärztliche Kunst ist doch so weit fortgeschritten, da wird es schon noch eine Möglichkeit geben. Da ich ein Mensch bin, der gleich Lösungsvorschläge parat haben möchte, fand ich eine Adoption als eine mögliche Alternative. Aber das war absolut die falsche Antwort! Ich habe es nicht verstanden.



Später wurde ich einbezogen in das Hoffen und Bangen der künstlichen Befruchtung, las Bücher darüber. Es machte mich stolz, dass meine Tochter mich in ihr Vertrauen zog und gleichzeitig traurig, ihr nicht helfen zu können. Dann im Januar kam die winzig kleine Chance und ich hoffte so sehr aufs Gelingen. Mit quälend aufgepumpten Bauch war der Traum für meine Tochter kaum einen Monat später endgültig ausgeträumt und beide fielen in ein tiefes Loch ohne Wiederkehr. Tränen, Hoffungslosigkeit und unendliche Trauer gaben dem Leben keinen Sinn mehr. Eine völlig veränderte Tochter stand mir gegenüber - so fern in ihrem Kummer und doch so nah mit den gleichen Gefühlen der Ohnmacht. Wir können die Entgültigkeit nicht fassen.

Zu allem Unglück bekommen alle Freunde Babies oder sind schwanger und sind ratlos und herzlos, wenden sich beschämt ab. Bei mir im Sportverein werden Fotos rumgereicht von Enkelkindern - nur ich bin "ungewollt enkellos". Aber ist es mir so wichtig? Nein, für mich selbst nicht. Ohne Enkel und ohne Kinder kann ich leben - aber ohne die Liebe meines Partners nicht. Für mich ist die Liebe das Wichtigste im Leben, die man immer wieder pflegen muß, bedingungslos, ohne Gegenanspruch, mit viel Fantasie. Auch Sex gehört ganz wichtig dazu. Schließlich hat man Sex zum Kinderkriegen etwa 1 bis 4 mal,aber bestimmt 1000de Male aus Liebe zum Partner, aus Zärtlichkeit, Hingabe, Freude, Spaß, Erforschen und Kennenlernen des eigenen und anderen Körpers, als Geheimnis was niemanden anderen etwas angeht. Ohne Liebe ist das Leben wertlos. Fangt sofort damit an, gleich im Alltag. Man sollte sich jeden Tag einen kleinen Glücksmoment vornehmen, z.B. Blumen kaufen, einen Regenspaziergang machen, einen Hund oder eine Katze streicheln, der Kassiererin im Supermarkt etwas Nettes sagen, auf Vogelgezwitscher achten, einem Obdachlosen nicht nur die Münze hinwerfen, sondern fragen, warum es ihm schlecht geht und zuhören.

Ich hatte mal eine junge Praktikantin, die selbst Adoptivkind war. Sie fuhr regelmäßig spät am Heiligen Abend mit ihrem Mann nach St. Pauli zum Bismarckdenkmal und schenkte den Obdachlosen Essen, Kuchen u. Kleinigkeiten, so wie sie es mit ihrer Mutter als Kind getan hatte. Ich habe sie sehr bewundert.

 

Ein Engagement für andere, wenn es wirklich anstrengend und unbequem ist, kehrt immer ins eigene Herz zurück. Denk nicht nur an Dein eigenes schweres Schicksal. Es gibt immer Menschen, denen es noch schlechter geht und wo Du die Möglichkeit hast, zu helfen.