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Die Verlierer im Kinderspiel bleiben allein zurück (Martin Spiewak)

Eine psychologische Betreuung macht nicht schwanger. Sie hilft jedoch, die aufreibende Therapie besser durchzustehen – und gegebenenfalls den Weg in ein zufriedenes Leben ohne Kinder zu ebnen. Paare, bei denen die künstliche Befruchtung zu keinem Erfolg führt, haben Hilfe besonders nötig. Sie sind die Verlierer im Kinderspiel IVF. Alle Kraft, Zeit und Erwartungen, die sie in den Kinderwunsch investiert haben, waren umsonst. Lebensjahre wurden zu Wartejahren. Ihr größter Traum, er bleibt ein solcher. Für die endgültig Kinderlosen verlängert die Reproduktionsmedizin das Leiden. Ihnen wäre es vor 30 Jahren besser ergangen, als noch keine Louise Brown geboren wurde und keine Technik ihre Hoffnungen nähren konnte. Die Verlockungen der Fortpflanzungsmedizin haben über viele Jahre verhindert, dass sie sich mit ihrer Kinderlosigkeit abfinden – und ihnen den indirekten Zwang auferlegt, die neuen Medizinverfahren auszuprobieren.

 

Nach sechs In-vitro-Fertilisationen haben die Thomsens beschlossen aufzuhören. Für immer? „Ich glaube ja“, sagt Marina Thomsen, etwas zögerlich. Zumindest bis zum nächsten Jahr wollen sie keinen neuen Versuch mehr starten. Sie haben sich einen Hund zugelegt, eine Promenadenmischung aus dem Tierschutzverein. Ihr Mann könnte sich vorstellen, ein Kind zu adoptieren, sie eher nicht. Zu spät wäre es noch nicht. Sie ist 32 Jahre alt, er 34. Bis Mitte Dreißig ist eine Adoption noch möglich. Doch wie viele Kinderwunschpaare kennen sie die Zahlen: Auf ein für die Adoption freigegebenes Kind kommen zehn bis fünfzehn Bewerber. Über die Hälfte der Kinder werden von Verwandten angenommen. Damit sind die Chancen, ein Kind zu adoptieren, noch viel schlechter als die Aussicht auf Nachwuchs mit Hilfe der Reproduktionsmedizin.

 

Würden die Thomsen die Behandlung anderen Paaren raten? Ihr Mann nickt, Marina Thomsen wiegt den Kopf: „Ich würde weder zu noch abraten. Wir jedenfalls haben alles versucht.“ Diesen Satz hört man immer wieder. Für viele Paare ist es wichtig, alle Optionen ausgeschöpft zu haben. Niemand möchte sich später Vorwürfe machen, man habe zu früh aufgegeben. In Umfragen geben Sieger und Verlierer im IVF-Roulette fast alle die gleiche Antwort: Sie würden wieder probieren, mit Hilfe der künstlichen Befruchtung ein Kind zu bekommen.

 

„Jetzt versuchen wir zu beweisen, dass man auch ohne Kinder glücklich werden kann“, sagt Christian Thomsen. Geschafft haben sie es noch nicht. Sie sind erst dabei, die Vorteile der Kinderlosigkeit zu entdecken. Kurz nach ihrer Entscheidung aufzuhören, sind sie von einem Tag auf den anderen für einen Kurzurlaub nach Dänemark gefahren. „Mit Kindern hätten wir das so nicht machen können.“ Dennoch bleibt eine Narbe. Manchmal befällt Marina Thomsen eine Traurigkeit, etwa im Supermarkt, wenn sie vor sich in der Schlange ein Kind lächeln sieht. An anderen Tagen wieder macht es ihr nichts aus.

 

Das Abschiednehmen vom Kinderwunsch ist ein langer Prozess, vergleichbar mit der Trauer um einen Menschen, den man sehr gern gehabt hat. Anfangs wird man jeden Tag an ihn erinnert, später nur noch zu bestimmten Gelegenheiten. Dass es nichts Reales ist, um das man trauert, macht die Sache nicht einfacher. „Für die Trauer um einen Wunsch kennen wir keine Rituale“, sagte der Heidelberger Psychologe Tewes Wischmann. Und es gibt kaum Hilfe. Die IVF-Ärzte fühlen sich für die Paare, denen sie zu keinem Kind verhelfen konnten, nicht zuständig. Wenn die IVF mißlingt, heisst die Devise: Neuer
Versuch, neues Glück – oder: Leben sie wohl. Auch wenn die Behandlung gelingt, überweisen die meisten Reprozentren die Frauen wieder an den Hausgynäkologen zurück. Eine Nachbetreuung findet nicht statt. Die Gescheiterten, immerhin rund jedes zweite Paar, tauchen weder in den Informationsabenden noch in den Broschüren der IVF-Mediziner auf. Sie können kein Babybild für die Photowand im Kinderwunschzentrum beisteuern.
Psychologische Unterstützung ist für sie nicht vorgesehen. Dabei bräuchten gerade sie Hilfe. Viele der Verlierer fühlen sich langfristig unzufrieden mit ihrer Partnerschaft und ihrem Körper. 30 bis 40 Prozent der Frauen, schreibt Heribert Kentenich, verfallen nach erfolgloser Therapie phasenweise in eine Depression.

 

Langfristig jedoch tritt nicht ein, wovor viele Paare nach dem Scheitern der Behandlung am meisten Angst haben: ein unglückliches, gezeichnetes Dasein zu fristen. Ein Team des Jenaer Instituts für medizinische Psychologie befragte ungewollt kinderlose Paare zwischen 43 und 65 Jahren, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Das Fazit der Studie ist für alle ermutigend, deren Kinderwunsch nicht in Erfüllung gegangen ist: „Kinderlose Paare sind genauso glücklich und sozial eingebunden. Sie sind nicht kränker oder gesünder, haben nicht mehr depressive Verstimmungen oder Erkrankungen als andere Menschen“, so die Jenaer Forscherin Karla Ningel. Am wenigsten von der Kinderlosigkeit beeinträchtigt sind jene Paare, die ihre Unfruchtbarkeit als Schicksal akzeptieren. Ebenso gut zurecht kommen langfristig Männer und Frauen, die nach gescheiterter Therapie, alternative Lebensentwürfe entwickeln. Am schwersten dagegen haben es Betroffene, so zeigt die Untersuchung, die viel über das „Was wäre wenn“ grübeln und es ablehnen, sich ein Leben ohne Kinder vorzustellen. Andere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Gefährdet seien sie Paare, bei denen die Frage nach der Schuld eine große Rolle spielt und diese einem Partner angeheftet wird. Barbara Brassel hat sich ihre siebenjährige Kinderwunschbiographie von den Seele geschrieben. Als nach einer schweren Krankheit klar war, dass endgültig Schluss ist, fuhr sie allein in den Urlaub und brachte ihre Erfahrungen zu Papier. Zuhause räumte sie ihren Kleiderschrank auf und schmiß das meiste weg. Ihren Kinderwunsch begrub sie vor ihrem Haus und pflanzte in einem symbolischen Akt einen Baum drauf. Stück für Stück eroberte sie sich ihr Leben zurück, das sie – wie sie jetzt bemerkte – einem imaginären Ziel geopfert hatte.

 

(Dies ist ein Auszug aus Martin Spiewaks Buch: Wie weit gehen wir für ein Kind? Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin, Eichborn Verlag, 2005)

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