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Kein Baby auf Krankenschein (Martin Spiewak)

 

Eine Künstliche Befruchtung kostet Paare viel Geld. Und das Bundesverfassungsgericht bestätigt: Unverheiratete müssen die ganze Behandlung zahlen. Das verhindert die Geburt von Tausenden Kindern.

 
Als sie erfuhr, dass sie auf natürliche Weise nicht schwanger werden kann, blieb Petra Breinert* ungewöhnlich gelassen. In der Jugend war sie mehrmals am Unterleib operiert worden. Sie hatte geahnt, dass es mit dem Kinderkriegen schwierig werden könnte. Ihre Erfahrungen mit früheren Behandlungen machten ihr jedoch Mut. »Ich wusste, dass die Medizin heute viel erreichen kann«, sagt die 28-Jährige. Bestürzt reagierte sie erst, als sie erfuhr, wie viel eine künstliche Befruchtung sie kostet: ein halbes Monatsgehalt pro Versuch. Mittlerweile hat sie zusammen mit ihrem Ehemann 5500 Euro in den Traum vom Kind investiert, ohne dass er bislang in Erfüllung gegangen wäre. Einmal wurde Petra Breinert schwanger, doch sie verlor das Kind in der neunten Woche. Die Dutzende von Hormonspritzen, die unzähligen Arztbesuche, das regelmäßige Bangen, ob es diesmal endlich klappen werde – der Stress einer In-vitro-Fertilisation (IVF) sei enorm, sagt Petra Breinert.

Dass man zudem so viel Geld für die Behandlung von ihr verlange, sei »schlicht unfair«, empört sie sich und spricht für eine Vielzahl von Betroffenen, denen es ähnlich geht. Ungewollte Kinderlosigkeit hat sich zu einer stillen Volkskrankheit entwickelt. Jedes Jahr nehmen nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums über 200000 Männer und Frauen fortpflanzungsmedizinischen Rat in Anspruch. Bei rund zehn Prozent aller Paare erweist sich mindestens ein Partner als unfruchtbar.

Gleiches Recht für Ledige? So nicht, sagen die Richter

Doch warum soll die Solidargemeinschaft für die Linderung ihrer Leiden aufkommen? Kinderlosigkeit gilt gemeinhin eben nicht als Krankheit, und es gibt kein Recht auf ein Kind. Genau dieser Argumentation hat sich 2004 der Gesetzgeber weitgehend angeschlossen, als er den Zugang zur Zeugung im Labor erschwerte. Seitdem werden Kinderwunsch-Paare stärker zur Kasse gebeten als jede andere Patientengruppe. Die Reproduktionsmedizin ist zu einer Heilkunst für Wohlhabende geworden.

Petra Breinert wollte diese Ungleichbehandlung nicht länger hinnehmen und zog vor Gericht. Mittlerweile liegen Hunderte Klagen von unfruchtbaren Paaren gegen die finanziellen Belastungen vor. Einen Fall hat das Bundesverfassungsgericht nun am Mittwoch entschieden. Fast genau 25 Jahre nachdem die Schneiderin Maria Wimmelbacher in der Erlanger Universitätsklinik das erste deutsche IVF-Kind zur Welt brachte, hat sich das höchste Gericht damit erstmals zur künstlichen Befruchtung geäußert.



Das Karlsruher Urteil bedeutet allerdings für Sterilitätspatienten und Fortpflanzungsmediziner einen Dämpfer. Die Richter entschieden, dass der Gesetzgeber die Bezahlung einer IVF-Behandlung auf Ehepaare beschränken darf. Ein unverheiratetes Paar sah durch diese Praxis das Gleichheitsgebot verletzt. Doch dies sei nicht der Fall, argumentieren die Richter. Die gesetzliche Krankenversicherung dürfe sehr wohl zwischen ledigen und verheirateten Paaren unterscheiden. Begründung: Die Ehe sei auf Lebenszeit angelegt und biete mehr rechtliche Sicherheit für das Kind.

Das Urteil betrifft indes nur einen kleinen Ausschnitt der finanziellen Belastungen, gegen die Paare vor Gerichten klagen. Seit 2004 nämlich müssen sich auch verheiratete IVF-Patienten zur Hälfte an allen Eingriffen und Medikamenten finanziell beteiligen. Im Schnitt 1300 Euro kostet sie damit ein Zeugungsversuch im Labor. Nach dem dritten Versuch stellen die Kassen jede Beihilfe ein.

Zuzahlungen treffen mittlerweile alle Versicherten, etwa bei der Praxisgebühr. Niemand braucht jedoch mehr als zwei Prozent seines Bruttoeinkommens für die Gesundheit aufzuwenden – eine finanzielle Schmerzgrenze, die für eine Gruppe nicht gilt: Kinderwunsch-Patienten.

Die Änderungen vor drei Jahren haben zu einem dramatischen Absturz der Behandlungszahlen geführt. Im Schnitt führen die Fortpflanzungsmediziner rund 40 Prozent weniger künstliche Befruchtungen durch als vor der Reform. Viele Kinderwunsch-Paare brechen die Behandlung aus Kostengründen nach zwei oder drei Versuchen ab, berichtet Andreas Tandler-Schneider vom Fertility Center in Berlin. Dabei seien »bis zu sechs Befruchtungszyklen durchaus sinnvoll«. Die Erfolgsquote, die sogenannte Baby-Take-Home-Rate, liegt in Deutschland pro IVF-Versuch bei rund 20 Prozent. Um den Patienten entgegenzukommen, bietet das Fertility Center an, die Kosten zu stunden – Ratenzahlungen für das Kind aus der Retorte.

Andere Paare schließen eine künstliche Befruchtung von vornherein aus oder suchen nach Alternativen. »Wir bekommen mehr Anfragen zu Behandlungsmöglichkeiten im Ausland oder Adoptionen«, sagt Gaby Ziegler von der Betroffenenvereinigung Wunschkind. Gleichzeitig ist das Durchschnittsalter der Patientinnen in den Fertilitätspraxen um zwei auf 35,5 Jahre gestiegen. Ein fataler Trend, sinkt doch die Chance auf eine Schwangerschaft ab Mitte 30 rapide.

Kinderlosigkeit ist keine Krankheit, sagen die Kassen

Verständlich ist deshalb, dass Frauen über 40 von Befruchtungsversuchen auf Krankenschein ausgenommen sind. Nicht einleuchten will dagegen, dass diese Beschränkung seit 2004 auch für Frauen unter 25 Jahren gilt. Insbesondere dann, wenn die Fortpflanzungsschwäche wie im Fall des Ehepaars Kops beim Mann liegt. Patrick Kops hatte seine natürliche Zeugungskraft aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem Arbeitsunfall eingebüßt. Die Ärzte konnten dem Ehepaar nur mit einer ICSI-Behandlung helfen. Bei dieser Prozedur werden einzelne verbliebene Samenfäden direkt in die Eizelle injiziert. Gleich der erste Versuch glückte, neun Monate später gebar die 24-jährige Inga Kops einen Sohn. »Jedes weitere Jahr ohne Behandlung hätte die Chance auf ein Kind verringert«, sagt die Berliner Medizinjuristin Dörte Busch, deren Kanzlei die Kops vor Gericht vertritt.

80 Millionen Euro im Jahr sollen die Krankenkassen durch die Eigenbeteiligung der ungewollt Kinderlosen sparen. Doch die Rechnung geht nur kurzfristig auf. Denn die Zuzahlungen hatten nicht nur weniger Behandlungen zur Folge, sondern auch einen Einbruch bei den IVF-Geburten. Rund 8000 Kinder fehlen seitdem in Deutschland – und damit 8000 künftige Beitragszahler der Sozialkassen, die jährliche Neugeborenenzahl einer deutschen Großstadt.

Wunschkind-Lobbyistin Gaby Ziegler formuliert den Hauptwiderspruch der Reform: »Einerseits versucht der Staat, seine Bürger mit allen möglichen Anreizen zu animieren, mehr Kinder zu bekommen. Andererseits hindert er diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen als Nachwuchs, ihren Traum zu erfüllen.« Ob sich die familienpolitischen Initiativen wie Elterngeld, zusätzliche Krippenplätze oder mehr Teilzeitarbeit demografisch auszahlen, ist ungewiss. Die Rücknahme der finanziellen Belastungen für ungewollt kinderlose Paare aber würde sich sofort in den Geburtenraten niederschlagen.

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen jedoch keine Bevölkerungspolitik. Sie dürfen nur die Behandlung von Krankheiten finanzieren. Dass ungewollte Kinderlosigkeit dazugehört, wird von den Krankenkassen bestritten. Man könne schließlich, heißt es, auch ohne Nachwuchs glücklich werden, wie es unzählige Menschen täglich bewiesen.

Das selbst gewählte Leben ohne Nachwuchs gilt heute in der Tat als eine anerkannte Lebensoption – doch sie ist etwas anderes als Zeugungsunfähigkeit. »Nicht wenige Paare bringt die ungewollte Kinderlosigkeit an die Grenzen ihrer seelischen Belastbarkeit«, sagt Tewes Wischmann von der Universität Heidelberg, der unfruchtbare Paare seit vielen Jahren betreut. Studien in den USA belegen, dass Infertilität zu den emotional erschütterndsten, stressvollsten Lebenssituationen gehören kann – vergleichbar mit dem Verlust eines Partners oder dem Tod eines Kindes.

Unfruchtbarkeit kann für die Betroffenen sehr qualvoll sein. Was Sterilität von Krankheit unterscheiden soll, ist rätselhaft. Ihre Ursachen liegen sehr wohl in körperlichen Defiziten: verwachsene Eileiter, Hormonstörungen, fehlende Spermien. Die Weltgesundheitsorganisation definiert ungewollte Kinderlosigkeit deshalb als Krankheit.

Ist jemand nach deutschen Maßstäben krank, übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung nicht nur direkte Behandlungskosten, sie steht auch für die Linderung der Folgen einer Krankheit finanziell ein. Jede Reha-Behandlung folgt diesem Ziel. Ebenso üblich ist die Praxis, Schönheitsoperationen zu bezahlen, etwa bei stark abstehenden Ohren oder einer Hasenscharte. Beide körperlichen Makel verursachen ähnlich wie die Unfruchtbarkeit keine körperlichen Schmerzen, sie können für die Betroffenen aber sehr wohl psychisch quälend sein. Selbst Abtreibungen aufgrund sozialer Indikation werden aus öffentlichen Kassen bezahlt – obwohl niemand eine Schwangerschaft als Krankheit bezeichnen würde.

Insofern liegt der Verdacht nahe, dass hier eine Patientengruppe zur Kasse gebeten wird, von der aus Scham kein Protest zu erwarten ist. Nur wenige Paare machten ihre Krankheit öffentlich, sagt Gaby Ziegler von der Vereinigung Wunschkind. Selbst das Sammeln von Unterschriften falle ihrem Verband schwer. Die Betroffenen hätten Angst, dass ihr Makel publik würde, sagt Ziegler. »Obwohl Unfruchtbarkeit mittlerweile ein Massenphänomen ist, ist das Tabu immer noch riesig.«

Der Artikel von Martin Spiewak ist in: DIE ZEIT, 01.03.2007 Nr. 10 erschienen.

 

Von ZEIT-Redakteur und Autor Martin Spiewak ist ein Buch zum Thema erschienen:
"Wie weit gehen wir für ein Kind? – Im Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin"
Gebundene Ausgabe, 261 Seiten, Eichborn; 2005 (aktualisierte Auflage)