ungewolltkinderlos eVStartseite
Sie befinden sich hier: Startseite ›› Erfahrungsberichte ›› von Psychologen

Falls der Abschied vom Kinderwunsch unausweichlich wird (Tewes Wischmann/Heike Stammer)

»Verbesserungswürdig in der medizinischen Betreuung ist die allzu vorsichtige Ausdrucksweise bei den ›schlechten‹ Ergebnissen, die bei mir immer wieder zu Hoffnungen geführt haben. Dadurch wurde das Ergebnis, ›keine Kinder‹ zu bekommen meinerseits zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Die Frage ›was ist, wenn nicht‹ wurde von mir und meinem Partner ganz selten gestellt und nicht ausdiskutiert. Und als das Ergebnis nicht mehr zu verleugnen war, waren wir diesem nicht gewachsen. Meines Erachtens hätte die ›schlechte‹ Möglichkeit während des Untersuchungszeitraumes immer mal betont werden müssen.« 
(M. S. in unser Nachbefragung im Juli 1999)

 

Den »Traum vom eigenen Kind« zu verabschieden fällt schwer. Das Besondere am Abschied vom Kinderwunsch ist, dass Sie etwas verabschieden müssen, was Sie noch nicht erfahren haben. Für Paare, die ein Kind verloren haben und die bisher vergeblich auf eine erneute Schwangerschaft warten, gilt dieser Satz natürlich so nicht. Aber auch diese Paare müssen sich von einer Entwicklungsmöglichkeit, von einem gemeinsamen Lebensentwurf verabschieden.

 

Das geht nicht ohne Trauerarbeit.

 

Und hier ist auch eine der Schattenseiten der Fortpflanzungsmedizin zu sehen. In der Medizin geht es darum, das Leben beherrschbar zu machen, den Tod hinauszuschieben und die Grenzen des Lebens zu erweitern. Große Fortschritte in der Medizin haben dazu geführt, dass in den westlichen Ländern die durchschnittliche Lebenserwartung inzwischen für Männer bei 75 und für Frauen bei 81 Jahren liegt. In einigen afrikanischen Ländern beträgt sie gerade mal die Hälfte! Einer der neuesten Trends ist die »Anti-Aging«-Medizin. Da die Hormonproduktion beim alternden Mensch immer mehr zurückgeht, soll durch die Einnahme von Hormonen der Alterungsprozess verlangsamt werden. »Anti-Aging«-Befürworter stellen eine durchschnittliche Lebenserwartung von 100 Jahren in Aussicht. Der Abschied vom jungen werdenden Leben wird in Ländern außerhalb der »Dritten Welt« immer seltener: Die Säuglingssterblichkeit, die z.B. in Deutschland vor 100 Jahren noch bei 23% lag, beträgt jetzt weniger als 0,5%.

 

All diese Beispiele zeigen, dass die Auseinandersetzung mit der Begrenztheit des Lebens aufgrund des medizinischen Fortschritts immer mehr an den Rand geraten ist. Sterben findet im Altersheim oder im Krankenhaus statt und ist kein selbstverständlicher Teil des Alltagslebens mehr. In den westlichen Gesellschaften dominiert die »Fitness-Kultur«, die Schwächen und Begrenztheiten nicht kennt. Hinzu kommt der technologische Fortschritt, der – nicht nur in der Fortpflanzungsmedizin – das Bild entwirft, die ungelösten Probleme von heute seien morgen lösbar. Somit stehen den wenigsten von uns Mittel zur Verfügung, die wir zum Abschiednehmen und zum Trauern benötigen.

 

Hilfreiche Rituale, ein tragfähiges soziales Netz, offene Gespräche im Umgang mit Tod und Sterben sind in unserer Kultur kaum noch vorhanden. Für den Abschied vom Kinderwunsch gibt es sie noch weniger, zum Großteil müssen sie erst noch geschaffen bzw. wiederentdeckt werden.

 

________________________________________________________________________

 Auszug aus dem Werk: Tewes Wischmann, Heike Stammer, Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer, 2006 (S. 154–155). Copyright und Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Kohlhammer. – Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.