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Hilfe beim Abschied (Tewes Wischmann/Heike Stammer)

»Ich meine, man sollte auch schon mal bewusst Sachen tun, die man mit Baby nicht tun könnte. Das ist natürlich ein schwacher Trost, aber es half mir, auch einen Sinn an einem Leben ohne Kind zu finden. Ich finde es wichtig, den Patienten vor Augen zu führen, dass es auch ein Leben ohne Kinder gibt.«
(Frau M. auf unsere Internet-Umfrage)

 


Als hilfreich haben sich die vier Schritte des Abschieds vom Kinderwunsch erwiesen, wie sie die erfahrene Kinderwunschberaterin Christl Büchl entwickelt hat:

 

Den richtigen Zeitpunkt wählen
Wann ist es Zeit, den Kinderwunsch zu verabschieden und die medizinischen Behandlungsversuche endgültig einzustellen? Verstand und Gefühl müssen bei Ihnen gemeinsam »Ja« zum Aufhören sagen, sonst bleibt eine ungute innere Spannung erhalten. Da der Kinderwunsch und die medizinische Behandlung von beiden Partnern gemeinsam getragen wird (bzw. werden sollte), sollten Sie auch den Abschied gemeinsam gestalten: Der Partner, der früher aufhören kann, wartet auf den anderen, der noch etwas länger braucht. Die Entscheidung zum Abschied sollte aus dem Herzen kommen und nicht aufgrund des Drucks vom Partner gefällt werden.

 

Wertschätzung des Zeitraumes, in dem Sie sich um ein Kind bemüht haben
Die Monate oder Jahre, die Sie sich um ein gemeinsames Kind bemüht haben, sind nicht verlorene Zeit. Sie haben eine Lebenskrise miteinander durchstanden, haben gekämpft und damit wahrscheinlich ein Stück gegenseitiger tiefer Verbundenheit gewonnen, die Ihnen die Sicherheit geben kann, kommenden Schwierigkeiten im Leben gelassener begegnen zu können. Dafür können Sie wechselseitig dankbar sein.

 

Neuorientierung
Die seelische Energie, die über längere Zeit im Traum vom eigenen Kind gebunden war, steht Ihnen allmählich wieder zur Verfügung. Dem Wunsch, etwas zu hinterlassen, können Sie auch auf andere Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Nicht wenige kinderlose Persönlichkeiten haben als Künstler oder Politiker ein großes Lebenswerk hinterlassen. Soziale Aktivitäten sind eine der Möglichkeiten, bei der Erziehung oder Pflege anderer Menschen mitzuwirken. Vielleicht haben Sie jetzt aber auch einen Nachholbedarf an Leben und wollen etwas nur für sich tun, nicht für jemand anderen wie zuvor für Ihr Traumkind. Das kann eine berufliche Neuorientierung sein, oder auch die lange aufgeschobene Fernreise. Andere neue Projekt erscheinen mit der Zeit vor Ihrem Auge, die Vorteile des kinderfreien Lebens werden wieder spür- und genießbar.

 

Den Kinderwunsch auch in Zukunft in Ehren halten
Der Kinderwunsch ist jetzt nicht vollständig Vergangenheit geworden. Erkennen Sie an, dass in vielen Fällen ein Fünkchen Hoffnung noch bis zu den Wechseljahren erhalten bleibt. Und bis zum Lebensende wird Sie immer ein bisschen Wehmut begleiten. So wie Ihr Traumkind über eine ganze Zeit Ihr gemeinsames »Projekt« war, so könnte jetzt Ihre Partnerschaft Ihr »Kind« werden. Es kann ein lohnendes Ziel für Sie werden, die Partnerschaft zu pflegen und ihr gute Entwicklungsmöglichkeiten bereitzustellen.
• Hilfreich bei der Verabschiedung vom Kinderwunsch ist es, wenn Sie sich dieses Schicksal nicht im Sinne von »Wir sind unfruchtbar« zueigen machen, sondern Sie sollten zu der Einstellung kommen: »Wir haben ein Problem mit der Fruchtbarkeit, aber wir sind nicht das Problem.«

 

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Auszug aus dem Werk: Tewes Wischmann, Heike Stammer, Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer, 2006 (S. 154–155). Copyright und Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Kohlhammer. – Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.