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Transzendente Aspekte der Kinderlosigkeit (Tewes Wischmann/Heike Stammer)

»Ich definiere mich nicht übers Kindergebären. Mein Ziel ist es, im Leben Spuren zu hinterlassen. Positive Spuren. Dazu muss ich gewiss keine Mutter sein. Wenn mir ein Kind geschenkt wird ist es gut, ich werde vermutlich selig sein. Aber es ist nicht Sinn und Zweck meines Daseins auf Erden. Dazu bin ich zu viel wert als Mensch, als dass das meine einzige Daseinsberechtigung sein sollte.« 
(B. im September 2000 in einem Internet-Forum)

 

»Ein Kind zu haben, schenkt sicher sehr viel Freude. Aber, um es zu bekommen, auf so viel Lebensfreude zu verzichten, wie ich es bei meiner ICSI erlebt habe und wie ich es in diesem Forum schon so häufig gelesen habe, das erscheint mir paradox. Man verliert durch die Faszination des Machbaren leicht das Wesentliche aus den Augen, dass man sein Leben in den Grenzen, die einem das »Schicksal« (oder die »Vorsehung«, falls Du religiös bist) vorgibt, annehmen muss, wie es ist, um glücklich zu sein. Ich habe ausprobiert, wo diese Grenzen sind, bzw. bin noch dabei, und bin mir sicher, dass mein Leben auch ohne Kinder einen Sinn hat und ein erfülltes sein wird.«
(M. im Juli 2000 in einem Internet-Forum)

 

»Der christliche Glaube, das Loslassen des ›Rechtes‹ auf ein eigenes Kind (mit der Trauerarbeit, die dazugehört) hat meinen Mann und mich in eine neue Dimension unserer Ehe geführt.« 
(Beitrag zu unserer Internet-Umfrage)

 

Wie bei allen Lebensproblemen stellt sich auch bei der Bewältigung der ungewollten Kinderlosigkeit die Frage nach den transzendenten Aspekten, die Frage nach der Bedeutung dieser Lebenserfahrung über das persönliche Leben hinaus, die Frage nach dem Lebenssinn.

 

Für religiös orientierte Menschen mag dieser Aspekt leichter erschließbar sein als für nicht gläubige Menschen. Diese können durch eine solche Erfahrung vielleicht eine Zuwendung zur Religiosität erfahren. In der Regel erschließen sich transzendente Aspekte erst in der Rückschau, womöglich erst viele Jahre später. Den großen Weltreligionen gemeinsam ist die tief gespürte Gewissheit, dass in der Auseinandersetzung mit der Begrenztheit des menschlichen Lebens, in der Auseinandersetzung mit dem Tod und mit dem Loslassen erst die eigentliche Wertschätzung des Lebens beginnt.

 

Jede Mutter, jeder Vater wird Ihnen bestätigen können, dass von der Geburt eines Kindes an die Trennung beginnt: Das Kind löst sich aus dem Leib der Mutter, die Nabelschnur wird durchtrennt, das Kleinkind krabbelt in die Welt hinaus. Später wird das Kind trotzig, die Eltern müssen sich von ihren Erziehungsidealen trennen, das Kind setzt sich im Nein-Sagen von den Eltern ab. Es wird in die Krabbelgruppe weggegeben, in den Kindergarten, in die Schule. Und schließlich zieht es aus dem Elternhaus aus und gründet später eine eigene Familie.

 

Im Grunde ist die menschliche Entwicklung immer mit Trennungen und Abschieden verbunden, ja, diese sind zur Entwicklung sogar lebensnotwendig. Nur wenn sich der junge Mensch vom Althergebrachten trennt, kann er Neues schaffen. Das zeigt beispielsweise der christliche Mythos von der Vertreibung aus dem Paradies, die unabdingbare Voraussetzung für die Bewusstwerdung des Menschen war. Insofern haben Trennungserlebnisse und Verabschiedungen einen archetypischen Hintergrund, sie sind schon immer wesentlicher Bestandteil des Lebens gewesen.

 

Zu den archetypischen Aspekten gehört auch, dass einem Trennungen immer zu früh erscheinen, und dass jeder Mensch in dieser Situation das tiefe Gefühl hat, alleine damit auf der Welt zu sein. Vielleicht können Ihnen die nachstehenden weisen Worte des großen Tiefenpsychologen Carl Gustav Jung Trost spenden: »Ich hatte nämlich inzwischen einsehen gelernt, dass die größten und wichtigsten Lebensprobleme im Grunde genommen alle unlösbar sind ...Sie können nie gelöst, sondern nur überwachsen werden.« (C.G. Jung, aus der Einführung zu „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“; hrsg. v. R. Wilhelm, Diederichs 1996, S. 20f.).

 

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Auszug aus dem Werk: Tewes Wischmann, Heike Stammer, Der Traum vom eigenen Kind. Psychologische Hilfen bei unerfülltem Kinderwunsch. 3., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer, 2006 (S. 154–155). Copyright und Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags W. Kohlhammer. – Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.