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Wann kann der Arzt wirklich noch helfen? (Prof. Dr. med. Frank Nawroth)

Der Wunsch nach einer eigenen Familie ist für viele Menschen ein grundlegender Wunsch in ihrem Leben. Aber gerade in den Industrienationen kollidiert die Erfüllung des Kinderwunsches häufig mit der beruflichen Karriereplanung, sodass gerade auch aus diesen Gründen sowie aufgrund einer mangelnden Unterstützung der Politik die Geburt eines Kindes häufig hinten anstehen muss. Wenn sich Paare dann nach ein paar Jahren dazu entschließen, Nachwuchs zu bekommen, können aufgrund des höheren Lebensalters des Mannes und der Frau Schwierigkeiten auf dem Weg zum eigenen Kind auftreten.

 

Schätzungsweise 10% der Paare bleiben ungewollt kinderlos. Aufgabe der medizinischen Beratung ist es, mögliche Ursachen aufzuzeigen und über sinnvolle Möglichkeiten zu deren Diagnostik und Therapie zu diskutieren. Eines der Probleme der Medizin heute ist, dass bei 15 bis 20 % dieser Paare keine Ursachen für die ungewollte Kinderlosigkeit erkennbar sind. Die Gründe sind zwar da, denn man kann davon ausgehen, dass es in der Natur für alle Dinge eine Ursache gibt. Aber wir haben momentan noch keine ausreichenden medizinischen Möglichkeiten, sie zu diagnostizieren.


Da die Menschen ein entsprechendes Kausalitätsbedürfnis haben, also gerne wissen wollen, warum etwas passiert, ist die psychologische Führung der Paare in einer solchen Situation besonders wichtig. Hier bleibt dem Arzt entweder die Möglichkeit der immer möglichen Konstruktion eines vorstellbaren Zusammenhanges oder aber das Eingeständnis, dass wir die Ursache nicht kennen.


Nach ausführlicher Beratung und individueller Einschätzung der Situation des jeweiligen Paares ist es dann Aufgabe des Arztes, ein sinnvolles medizinisches Therapiekonzept anzubieten. Im Vordergrund bei dessen Umsetzung steht die Reduzierung des Therapieaufwandes, um ohne Verlust an Qualität die psychische Belastung für das Paar so gering wie möglich zu halten. Die Therapie sollte für einen überschaubaren Zeitraum von z. B. 3 bis 6 Monaten festgelegt werden. In diesem Zeitraum sind aufgrund hinzukommender Befunde (z. B. aktuelles Spermiogramm, Verlauf erster Behandlungszyklen etc.) auch Änderungen eines solchen Therapiekonzeptes möglich. Inhalt der seriösen Aufklärung des Paares muss es aber auch sein, über die insbesondere durch das Alter der Patientin bestimmten realistischen Chancen einer Therapie aufzuklären. Wichtig ist, dass das Konzept für das Paar nachvollziehbar und akzeptabel ist. 


Statistisch gesehen sinkt ab einer definierten Zahl an Therapieversuchen die Chance für den Eintritt einer Schwangerschaft. Dies gilt auch, wenn jeder Therapieversuch „optimal“ gelaufen ist, aber „nur“ nicht zu einer Schwangerschaft geführt hat. Spätestens dann entsteht zunehmend die Situation, in der sich beide Seiten darüber verständigen müssen, ob eine weitere Therapie sinnvoll ist.


Bereits primär, aber insbesondere in dieser Situation ist es Aufgabe des Arztes sich zu überlegen, ob er dem Paar einen entsprechenden Therapieeffekt bieten kann, d. h., ob er mit der Behandlung besser ist, als wenn das Paar ohne seine Hilfe weiter versucht, schwanger zu werden. Dies kann mit fortschreitender Therapiedauer der Fall sein, wenn aufgrund der schon genannten Versuchszahl statistisch die Chance sinkt, mit ärztlicher Hilfe ein Kind zu bekommen In einigen Fällen kann von vornherein bei einer bestimmten Krankengeschichte oder wenn es das Alter der Patientin vermuten lässt, ärztlich nicht geholfen werden.


Das Ziehen eines Schlussstriches fällt nicht nur dem Paar, sondern auch dem behandelnden Arzt oftmals schwer. Aus medizinischer Sicht kann man in vielen Fällen nicht sagen, dass die Chancen tatsächlich auf „Null“ gesunken sind. Insofern wird man die Frage des Paares, ob denn noch Chancen bestünden, nicht definitiv mit „nein“ beantworten können. Wenn man sich dessen sicher wäre, wäre die Beendigung einer Therapie für beide Seiten häufig sicherlich einfacher. An dieser Stelle müssen alle Beteiligten für sich entscheiden, inwieweit der Arzt dem Wunsch des Paares bzw. das Paar der Empfehlung des Arztes nach weiterer Therapie folgt. Eine einheitliche Definition, wann ein „sinnvolles Therapieende“ angesetzt werden sollte, ist pauschal natürlich nicht möglich.


Ärztlicherseits muss es in jedem Fall das Bestreben sein, dass dem Paar das Gefühl vermittelt wird, dass es die für sich selbst in Frage kommenden Therapiemöglichkeiten wahrgenommen hat und sich nicht den Vorwurf machen muss, dass es nicht alles probiert hat.


Manche Paare meiden nach einer erfolglosen Therapie eher den Kontakt mit der Kinderwunsch-Thematik. Viele wünschen sich aber auch ein abschließendes Gespräch, dass alles Getane zusammenfasst und hinterfragt, damit der – wenn auch erfolglose – Therapieweg mit einer entsprechenden inneren Ruhe beendet werden kann. Aus diesem Grund bieten wir in unserem Kinderwunschzentrum von uns betreuten, aber auch uns bis dahin unbekannten Paaren solch ein Gespräch an. Inhalt und Ziel ist es, dabei nicht zu weiteren Therapien zu ermutigen, sondern gemeinsam mit den Paaren das Geschehene aus medizinischer Sicht aufzuarbeiten.


 

Autor:
Prof. Dr. med. Frank Nawroth

Zentrum für Endokrinologie Kinderwunsch Pränatale Medizin

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