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Zwischen - Bilanz (Karin 36 Jahre)

Mittlerweile sind es vier Jahre, die mein Mann und ich mit diesem Thema der ungewollten Kinderlosigkeit verbringen. Vier lange Jahre, in denen alle meine Freundinnen um mich herum Familien gegründet haben und ich mich wie ein Zuschauer meines eigenen Lebens fühlte. Es fiel mir schwer, in der Zeit, in der wir in medizinischer Behandlung waren, mich über die ganzen Babies meiner Freunde zu freuen. Die ständige Anspannung, das Hoffen und Bangen und dann das abgrundtiefe Loch, in das wir gefallen sind, als wir hörten, das es bei uns nicht klappen wird.


Wir hatten nur einen Versuch. Absurderweise wurde in dem Gewebematerial (welches meinem Mann operativ aus dem Hoden entnommen wurde) nur ein einziges Spermium gefunden. Und dieses eine Spermium wollte nun partout keine Liason mit eine meiner Eizellen eingehen. Manchmal denke ich, wer weiß, warum sich unser Erbgut nicht mischen wollte? Irgendwie wird es einen Grund geben, dass wir kein gemeinsames Baby haben sollen. Ich bin darüber oft noch sehr traurig und hin und wieder flammt in mir der Neid auf meine Freundinnen auf, die so einfach ein Kind nach dem anderen gebären. Aber manchmal denke ich auch, wir haben Glück im Unglück gehabt, dass wir so schnell durch waren mit der ganzen künstlichen Befruchtung. Die Zeit der Behandlungen war für mich tote Zeit. Es konnte einfach nichts Neues daraus entstehen. Ich  hoffte nur von Untersuchung zu Untersuchung.

In den letzten Jahren ist viel passiert. Ich habe ein Stück weit gelernt mein Schicksal anzunehmen. Eine ganze Zeit lang habe ich nur mich selbst gesehen: meine (scheinbar) auswegslose Situation, unser „Versagen" keine Kinder bekommen zu können, mein Neid, meine Wut....

Aber das Leben geht weiter: Mittlerweile gibt es die ersten Scheidungen in unserem Freundeskreis, ein Kind einer Freundin ist schwer erkrankt.... Auf eimal ist mein Mitgefühl wieder gefragt. Es geht nicht nur um uns. Freunde brauchen unsere Hilfe. Und ich glaube, dass wir durch unsere Krise ein bißchen gelernt haben, wie Menschen in Notsituationen behandelt werden möchten.
Wir fühlten uns damals so sehr im Stich gelassen. Unsere Freunde waren hilflos, wie sie mit uns umgehen sollten. Aus lauter Scheu haben sich viele zurückgezogen. Dabei war es für uns so wichtig, wieder und wieder über unser Problem zu reden. Ich hätte mir Angebote meiner Freunde gewünscht, mit mir über das Problem zu sprechen. Über ihre Unsicherheit im Umgang mit uns - über unsere gegenseitigen Gefühle: wie fühlt es sich an Mutter zu sein und wie fühlt es sich an, ungewollt keine Mutter sein zu dürfen....?

Eine große Hilfe für mich waren sicherlich die lieben Menschen in unserer Selbshilfegruppe, mit denen wir immer noch in Kontakt stehen. Es brauchte einfach seine Zeit.
Zeit, mit mir selber ins Reine zu kommen. Mir einzugestehen, dass es eben kein „Versagen" ist, keine Kinder bekommen zu können. Ich brauchte Zeit, um auf die vielen unangenehmen Fragen, danach, ob wir uns denn keine Familie wünschen würden, passende Antworten zu finden. Man will nicht jedem gegenüber sein Innerstes ausbreiten. Es geht einfach nicht jeden etwas an, wie traurig ich bin. Verletztungen zeigt man einfach nicht gern.

Aber ich glaube, man kann diese Angst vor Entblößung überwinden. Warum fällt es uns so schwer Schwäche zu zeigen? Mittlerweile fragt mich zwar keiner mehr oft, ob wir uns Kinder wünschen, aber ich glaube inzwischen würde ich die Leute offen damit konfrontieren. Auf einer Reise nach Afrika, fragte mich eine der Mitreisenden indirekt: ob es nicht schwierig wäre den richtigen Zeitpunkt zu finden, bei all der Karriereplanung, auch noch eine Familie zu gründen? Ich habe ihr gesagt, das das nun wirklich nicht mein Problem wäre, mein Mann und ich hätten sehr gern Kinder gehabt, aber es ist uns leider nicht vergönnt. Sie reagierte nur mit einem : 0h - ach so ... und verzog sich. Innerlich habe ich triumphiert. Ich habe es einfach ausgehalten und sie mit der Wahrheit konfrontiert. Danach fühlte ich mich stark. Ich glaube ich habe gelernt mit meinem „Makel" selbstbewußter umzugehen und mich nicht, wie ein verwundetes Tier zu fühlen...

Es liegt an uns, ob wir uns in unserem Leid vergraben oder ob wir lernen es anzunehmen und etwas Neues daraus entstehen zu lassen. Mittlerweile haben mein Mann und ich uns entschieden, ein Kind aus Afrika zu adoptieren. Der Weg ist noch lang, aber ich bin voller Zuversicht, dass es klappen wird. Je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr verliere ich die Angst davor, dass es schwer werden kann. Oft frage ich mich, ob ich den besonderen Bedürfnissen eines Adoptivkindes gerecht werden kann? Aber ich glaube, unsere Krise hat uns stark gemacht für kommende Herausforderungen.