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Am liebsten würde ich meine Wut in die ganze Welt hinausschreien! (Annika, 43 Jahre)

Ich bin jetzt 43 Jahre alt und seit insgesamt sieben Jahren versuchen mein Mann und ich, ein Kind zu bekommen.


Nach 6 Inseminationen und 1 ICSI, allesamt erfolglos, beschlossen wir, mit der sogenannten Kinderwunschbehandlung aufzuhören. Ich hätte es vielleicht nochmal versucht, aber mein Mann lehnt diese Behandlungsmöglichkeit ab und hat nur mir zuliebe eingewilligt. Ich habe aber auch Angst vor den Konsequenzen, evtl. ein behindertes Kind in meinem Alter zu bekommen, die Entscheidung über eine Fruchtwasseruntersuchung fällen zu müssen (mein Mann ist dagegen) bzw. 9 Monate lang zu bangen, ob das Baby auch gesund ist. Ich bin im Erstberuf Kindrkrankenschwester und weiß, mit welch schweren, auch lebensbedrohlichen Erkrankungen Kinder mit Trisomie 21 leben müssen. Es gibt eben nicht nur das "süße Mongölchen", das bei entsprechender Förderung auch auf die Hauptschule kann (Ausspruch meiner Mutter...).

 

Kurz und gut, eigendlich war ich dabei, für mich abzuschließen, aber jetzt bekam meine Freundin, die bisher mit mir in einem Boot saß und auch ungewollt kinderlos war, mit 44 Jahren ihr Wunschbaby und schwebt natürlich im 7. Himmel. Seitdem kommt bei mir eine Trauer hoch, die mir schon unheimlich wird, und als wir auf der Arbeit vor zwei Tagen meine Kollegin in den Mutterschutz verabschiedeten war es endgültig um mich geschehen. Ich bin sehr nah am Wasser gebaut, möchte mit Müttern und deren Babies nichts mehr zu tun haben, die meisten Bermerkungen von ihnen kränken und verletzen mich und ich erlebe mich in der Arbeit und mit meinem Mann gereizt, patzig und genervt. Ich hinterfrage meine Partnerschaft, meine Arbeit, mein ganzes Leben.... Ich fühle mich einfach schrecklich, sowas nennt man wohl eine Identitätskrise?

 

Ich weine auch jetzt gerade beim Schreiben und das ist das Einzige, was irgendwie dann doch gut tut: hemmungslos weinen. Im Alltag kann ich es nicht, da verkneife ich es mir oft, in der Arbeit oder in Gesprächen mit Bekannten. Ich erlaube es mir aber bei meinem Mann (der Süße), guten Freundinnen und bei meiner Mutter, die gottseidank viel Verständnis hat. Auch meine Tante hat viel Verständnis, sie ist auch ungewollt kinderlos geblieben und mir in der Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert, auch ein Vorbild.

 

Nichts desto trotz muss ich jetzt etwas unternehmen und habe mich bei einer Selbshilfegruppe angemeldet, die ich das erste Mal im November besuchen werde. Ich möchte meine Trauer ernst nehmen und bearbeiten, ich möchte endlich neue Perspektiven in meinem Leben entwickeln. Ich habe auch schon daran gedacht, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, weiß aber nicht genau, wo. Vielleicht hilft mir die Selbsthilfegruppe weiter.

 

Puuh, jetzt habe ich aber viel geschrieben, aber am liebsten würde ich auch meine Wut in die ganze Welt hinausschreien, meine Wut über diese Ungerechtigkeit, dass mein Mann und ich kein Kind geschenkt bekommen. Ich frage mich immer, was habe ich getan, dass ich nicht mit meinem größten Herzenswunsch beschenkt werde? Natürlich ist das doof, weil mein größter Herzenswunsch auch einmal war, mit einem Partner beschenkt zu werden. Mit 35 Jahren hat es dann endlich geklappt, über eine Zeitungsanzeige, weil ich in meinem Privatleben einfach keine Männer mehr kennen gelernt habe oder sie waren schon liiert oder Väter... Da war ich erst mal glücklich, endlich meinen Mann gefunden zu haben aber im Moment nervt er mich auch nur noch. Ich bin einfach sehr durcheinander und verspreche mir auch von den Büchern, die hier empfohlen werden, wieder mehr Klarheit. Ich habe sie mir schon bestellt.

 

Danke, dass ich hier mein Herz ausschütten konnte, im Moment könnte ich das täglich tun.